Eine Geschichte ...

Vielleicht kennen Sie die Geschichte der Möwe Jonathan, die Ihre Vision vom Fliegen in höchster Vollendung entwickeln wollte. Dabei geht es in dieser Geschichte, wenn man Sie genauer betrachtet, nicht um das Fliegen. Es geht darum, wie wir unsere Ziele und unsere Visionen verwirklichen können.

...als er wieder zu sich kam, war es bereits dunkel, er trieb im Mondlicht auf dem Meer dahin. Die Flügel waren zerzaust und schwer wie Blei, doch noch schwerer bedrückte ihn das Gefühl des Versagens. Fast wünschte er, die Last möge ihn sacht auf den Grund drücken, daß alle Mühe ein Ende habe. Doch als er langsam tiefer sank, klang es seltsam dumpf aus ihm heraus: Du darfst nicht aufgeben, aber du bist eine Möwe und kannst über deine Natur nicht hinaus. Wärest du zu solchen Flügen bestimmt, dann hättest du dafür Diagramme, Richtlinien im Kopf. Wärest du zum raschen Fliegen bestimmt, du hättest kurze Flügel wie der Falke und würdest Mäuse fressen statt Fische. Dein Vater hatte recht. Schluß mit den Torheiten. Flieg heim zu deinem Schwarm und finde dich damit ab, daß eine kleine Seemöwe ihre Grenzen hat. Die Stimme schwieg, und Jonathan mußte ihr zustimmen. Möwen verbringen die Nacht nahe der Küste, auf dem Wasser; und er wollte von jetzt an eine normale Möwe sein, sich dem Schwarm zugesellen, glücklich sein unter seinesgleichen.

Erschöpft hob er sich von der dunklen Wasserfläche ab und zog mit mattem Flügelschlag landeinwärts, froh, dass er früher den kräftesparenden Flug in niedriger Höhe geübt hatte. Doch nein, Schluß mit alten Gewohnheiten. Schluß mit allem Lernen. Ich bin eine Möwe, dachte er, ich bin wie die anderen Möwen. So stieg er mühsam bis zu dreißig Meter Höhe, schlug angestrengt mit den Flügeln und strebte der Küste zu. Er war erleichtert über die Entscheidung. Er fühlte sich befreit von allem Zwang zum Lernen, von nun an würde es keine Herausforderung mehr geben, keine Fehlschläge. Und es war angenehm, so gedankenlos durch das Dunkel auf die Lichter an der Küste zuzufliegen.

Dunkel!
Die dumpfe innere Stimme meldete sich brüchig im Erschrecken.
Möwen fliegen nicht bei Dunkelheit!
Jonathan beachtete sie nicht. Schön, dachte er. Mond und Sterne blinken im Wasser und ziehen ihre schmalen Leuchtspuren durch die Nacht! Alles ist friedlich und still. Komm herunter! Möwen fliegen nicht bei Dunkelheit! Nie! Wärest du zum Nachtflug bestimmt, du hättest Augen wie die Eule. Du hättest Blindflugkarten im Kopf! Du hättest die kurzen Flügel des Falken!

Doch die Möwe Jonathan, die in dreißig Meter Höhe durch die Nacht flog, achtete nicht auf die Warnung, hörte nur die letzten Worte. Angst, Erschöpfung, gute Vorsätze waren vergessen.

Kurze Flügel. Die kurzen Flügel des Falken!
Das war die Lösung!
Was für ein Narr war ich doch! Ich brauche nur winzige kleine Flügel, ich brauche meine Flügel nur einzuziehen, nur mit den Flügelspitzen zu fliegen! Kurze Flügel!
Er schwang sich sechshundert Meter über die schwarze See empor, und ohne auch nur eine Sekunde an Mißerfolg und Tod zu denken, faltete er die Flügel an den Rumpf, daß nur die wie schmale Sicheln gebogenen Spitzen dem Wind ausgesetzt waren, dann ließ er sich senkrecht fallen ...
Gegen den Wind schloß er die Augen halb und schrie jubelnd. Zweihundert Kilometer in der Stunde in voller Flugbeherrschung.

Ohne Bedenken brach er das Versprechen eine „normale Möwe” sein zu wollen.
Derlei Schwüre gelten nur für Möwen, die mit dem Mittelmaß zufrieden sind.
Wer einmal das Außerordentliche erfahren hat, kann sich nicht mehr an die Normen des Durchschnitts binden
... und er lebte - leise bebend vor Entzücken, stolz,
seine Furcht bezwungen zu haben ...

(aus: Die Möwe Jonathan; Richard Bach / Russell Munson, Verlag Ullstein 1970)

Übrigens: noch eine Geschichte zu dieser Geschichte.
Richard Bach reichte das Manuskript dieses Buches bei 18(!) Verlagen ein. Es wurde von allen 18 Verlagen abgelehnt. Schließlich fand sich der McMillan Verlag bereit, die Geschichte 1970 zu veröffentlichen.
Richard war ein passionierter Flieger, zog damals durch die Vereinigten Staaten und hielt sich mehr recht als schlecht über Wasser. Völlig abgebrannt investierte er seine letzten Cents in einen Anruf bei einer Verlegerin von McMillan. Hocherfreut teilte Sie Ihm mit, daß Sie Ihn dringend suche, sein Buch ein Riesenerfolg sei und Ihr Telefon permanent klingelt, weil Journalisten Interviewtermine haben möchten.
Bis 1975 wurde die Möwe Jonathan mehr als siebenmillionenmal allein in den USA verkauft.

Wie in der Geschichte der Möwe Jonathan müssen wir neue Strategien ausprobieren, andere Fähigkeiten erlernen und nützliche Überzeugungen entwickeln,
um weiterhin erfolgreich zu sein.
Wir sehen unsere Aufgabe darin, Sie dabei professionell zu unterstützen.

... damit Sie Ihre Ziele und Visionen verwirklichen können.